Fabio Canetg, wir erwarten keine Zinserhöhung durch die Schweizerische Nationalbank. Was wäre nötig, damit die Schweizerische Nationalbank dennoch die Zinsen erhöht?
Zwar ist die Inflation in der Schweiz zuletzt wieder auf 0.8 Prozent gestiegen, doch das allein reicht nicht für einen Kurswechsel. Die Schweizerische Nationalbank will die Inflation zwischen 0 und 2 Prozent halten. Mit 0.8 Prozent liegt sie also klar im Zielband. Genau dort soll sie sein. Deshalb besteht derzeit kein unmittelbarer Handlungsbedarf, die Wirtschaft mit höheren Zinsen zu bremsen. Aus heutiger Sicht spricht deshalb vieles dafür, dass die Nullzinspolitik vorerst bestehen bleibt.
Wenn die Zinsdifferenz zur Eurozone und zu den USA weiter zunimmt, hat dies auch Auswirkungen auf den Wechselkurs. Nimmt die SNB eine Frankenschwäche bewusst in Kauf?
Wenn andere Notenbanken die Zinsen erhöhen, vergrössert sich die Zinsdifferenz zur Schweiz. Theoretisch könnte das den Schweizer Franken schwächen, weil Anlegerinnen und Anleger ihr Geld eher in Währungsräume mit höheren Zinsen verschieben. Dazu müssten sie Franken verkaufen und Euro oder andere Währungen kaufen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Finanzmärkte reagieren in der Regel nicht erst auf die tatsächliche Zinserhöhung, sondern schon im Voraus auf die Erwartung eines solchen Schritts. Ein Teil dieser Bewegung dürfte also bereits erfolgt sein. Deshalb ist nicht gesagt, dass weitere Zinserhöhungen im Ausland automatisch zu einer zusätzlichen Abwertung des Frankens führen.
Hinzu kommt ein gegenläufiger Effekt: Die Inflation im Ausland ist vielerorts höher als in der Schweiz. Dies führt eher zu einem stärkeren Franken.
Warum merken wir im Alltag von dieser tiefen Inflation so wenig?
Gerade eben weil sie tief ist. Wenn Preise insgesamt relativ stabil bleiben, fällt das im Alltag wenig auf. Viele Güter des täglichen Bedarfs kosten dann über längere Zeit ungefähr gleich viel. Das schafft Planbarkeit und ist grundsätzlich positiv für Haushalte und Unternehmen. Entsprechend dürften viele Menschen von einem unveränderten Zinsentscheid kurzfristig wenig merken. Das bedeutet aber nicht, dass die Geldpolitik unwichtig wäre. Im Gegenteil: Besonders spürbar wird sie dann, wenn die Schweizerische Nationalbank Fehler macht. Man könnte deshalb auch sagen: Gute Geldpolitik merkt man oft gerade daran, dass sie im Alltag möglichst wenig auffällt.