Jens Korte, wie geht die USA mit den steigenden Energiepreisen seit dem Kriegsausbruch im Iran um?
Die jüngsten Inflationszahlen zeigen die stärkste Teuerung seit etwa vier Jahren. Die Konsumentenpreise sind im März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3.3 Prozent gestiegen. Im Februar lag die Teuerung noch unter 2.5 Prozent. Vor allem Benzin ist massiv teurer geworden – über 20 Prozent innerhalb eines Monats. Heizöl hat teilweise sogar Preisanstiege von rund 40 Prozent verzeichnet. Insofern spüren die Amerikanerinnen und Amerikaner den Krieg an der Tankstelle, aber eben auch in anderen Bereichen – da die Energiepreise die Preise insgesamt anschieben.
Wie steht es um die amerikanische Wirtschaft unabhängig vom Irankrieg?
Die amerikanische Wirtschaft präsentiert sich einigermassen robust. Ein wichtiger Gradmesser dafür sind die Ausgaben der Privathaushalte, die zuletzt um ein halbes Prozent gestiegen sind – ein durchaus solides Wachstum. Das liegt allerdings auch daran, dass die Preise verhältnismässig hoch sind. Die Situation am amerikanischen Arbeitsmarkt wird derzeit als Jo-Jo bezeichnet. Es gibt Monate, in denen der Arbeitsmarkt solide ausfällt und andere, in denen Stellen abgebaut werden. Aufgebaut werden Jobs vor allem im Gesundheitssektor. Im verarbeitenden Gewerbe werden tendenziell Jobs abgebaut. Zwar steht die amerikanische Wirtschaft insgesamt nicht schlecht da, doch die Lage ist fragil. Die steigenden Energiepreise sind da nicht hilfreich.
Wie sieht die Situation an den amerikanischen Börsen aus?
Wenn wir uns die Situation an der Wall Street anschauen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Geopolitik keine Rolle spielt. Dem S&P 500 Index fehlten zuletzt gerade mal 3 Prozent zu einem neuen Allzeithoch. Aktuell läuft die Berichtssaison an und grundsätzlich ist die Erwartungshaltung sehr hoch, dass die amerikanischen Unternehmen in den letzten drei Monaten sehr gute Geschäfte gemacht haben. Es wird im Schnitt mit zweistelligem Gewinnwachstum gerechnet. Die grosse Frage ist allerdings weniger, wie das abgelaufene Quartal ausgefallen ist, sondern wie der Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate ausfällt. Wird es da irgendwelche Andeutungen geben, dass die hohen Energiepreise negativ auf den Erfolg der Unternehmen wirken könnten?