Jens Korte, welche Annahmen über die US-Märkte hören Sie in Europa häufig – und warum sind sie zu kurz gedacht?
Was ich momentan häufig höre, ist, dass die amerikanischen Märkte überbewertet sind. Aber nur weil Aktienkurse gestiegen sind, heisst das nicht unbedingt, dass es nicht noch weiter nach oben gehen kann. Was Europäern ebenfalls schwierig fällt, ist zu begreifen, warum in den USA manchmal in Unternehmen investiert wird, die überhaupt nicht profitabel sind. Wichtig ist nur, dass man jemanden findet, der morgen mehr bereit ist, für die Aktie zu zahlen, als ich gestern. Das ist von der ganzen Grundlogik in Amerika anders als in Europa. Im Allgemeinen ist die ganze Risikobereitschaft in Amerika eine andere.
Welcher strukturelle Vorteil der USA wird Ihrer Meinung nach weiterhin unterschätzt?
Was Amerika so stark macht, ist der Kapitalmarkt. Die Amerikaner sind bereit, Geld zu investieren. Das ist etwas, was Europa teilweise fehlt. Die Amerikaner geben gerne Geld aus, vor allem auch Geld, das sie nicht haben.
Welche politischen Risiken werden von den Märkten ignoriert?
Was an den Aktienmärkten scheinbar keine Rolle spielt, das ist die ganze Thematik rund um den Klimawandel. Das ist etwas, was aus wirtschaftlicher Sicht viel Geld kostet. Und dann die ganze Verschuldungssituation in den USA. Das wird immer gravierender. Die amerikanische Regierung zahlt pro Tag drei Milliarden Dollar allein für den Schuldendienst. Und das wird momentan von den Märkten oder eigentlich schon seit einiger Zeit fast komplett ignoriert.
Was wird in Europa oft falsch interpretiert, wenn man auf die grossen US-Tech-Titel blickt?
Die Bewertungen sind teilweise astronomisch. Am Beispiel Nvidia: Vor ein paar Jahren hatte das Unternehmen eine Marktbewertung um die 500 Milliarden Dollar. Jetzt haben sie diese Bewertung verzehnfacht und sind teilweise über 5'000 Milliarden Dollar wert. Bei anderen Unternehmen ist das ähnlich. Für uns Europäer ist das unvorstellbar. Aber abschliessend, wie heisst es so schön? The trend is your friend till it bends at the end. Also der Trend kann eine ganze Weile funktionieren, aber irgendwann kippt es dann auch.