Jens Korte, weshalb bleiben die US-Börsen trotz hohen Zinsen, steigenden Ölpreisen und Inflation so stark?
Die Wall Street befindet sich trotz dieser Belastungsfaktoren in einer recht komfortablen Lage. Der technologielastige Nasdaq Composite erreichte zuletzt neue Rekordmarken, und auch der S&P 500 notierte jüngst auf dem höchsten Stand seiner Geschichte. Das überrascht, denn die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoll. Dass die Börsen dennoch auf Rekordniveau stehen, hat mehrere Gründe. Viele US-Unternehmen haben zuletzt starke Bilanzen vorgelegt. Besonders wichtig sind zudem die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz, von denen vor allem die KI-Branche und die grossen Technologieunternehmen profitieren. Diese Faktoren stützen die Wall Street trotz des Gegenwinds.
Die Berichtssaison läuft an. Wie hoch sind die Erwartungen an die US-Unternehmen?
Die Quartalszahlen der grossen US-Unternehmen werden entscheidend dafür sein, wie sich die Wall Street bis zum Jahresende entwickelt. Die Erwartungen sind sehr hoch: Für die im S&P 500 gelisteten Unternehmen wird im Durchschnitt ein Gewinnwachstum von rund 30 Prozent erwartet. Besonders im Fokus stehen erneut die grossen Technologieunternehmen. Bei ihnen rechnen Analystinnen und Analysten mit einem Gewinnwachstum von etwa 65 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auch der Energiesektor dürfte stark abschneiden. Dazu zählen die grossen Ölkonzerne, die von den deutlich gestiegenen Öl- und Dieselpreisen profitieren. Für diesen Sektor wird sogar ein Gewinnwachstum von über 100 Prozent erwartet. Fallen die Zahlen tatsächlich stark aus, könnte das der Wall Street bis Jahresende zusätzlichen Schwung verleihen.
Am 3. November wird in den USA gewählt. Welche Auswirkungen könnten die Midterm-Elections auf Wirtschaft und Börse haben?
Die Zwischenwahlen werden ebenfalls ein wichtiger Faktor. Derzeit sieht es danach aus, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus zurückerobern. Im Senat ist die Lage weniger klar; dort zeichnet sich ein enges Rennen ab. Für Wirtschaft und Börse hängt viel davon ab, wie stark die politische Handlungsfähigkeit des Präsidenten eingeschränkt wird. Donald Trump hat viele Entscheidungen per Dekret getroffen und damit am Kongress vorbei agiert. Bei Budgetfragen ist jedoch die Zustimmung des Kongresses erforderlich. Sollten die Republikaner ihre Mehrheit verlieren, könnte das Regieren schwieriger werden. Die Wall Street sieht diese Aussicht bislang gelassen. Häufig wird es dort sogar positiv bewertet, wenn Präsident und Kongress unterschiedlichen Parteien angehören, weil dann tendenziell weniger politische Eingriffe erfolgen. Gleichzeitig bleibt die Lage spannend: Neben starken Tech-, Banken- und Energiekonzernen gibt es auch Unternehmen, die wegen Inflation und hohen Zinsen bereits schwierigere Geschäfte verzeichnen.