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Die Zinswende ist eingeläutet.

Müssen Anlegerinnen und Anleger jetzt handeln?

Datum: 25.03.2022 
Autor: Roman Bättig / Daniel Lüchinger

​Zahlreiche Notenbanken haben aufgrund der hohen Inflationsraten den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik angekündet oder unlängst eingeleitet. Nachdem die Notenbanken die Zinsen über Jahre hinweg auf tiefem Niveau hielten, ist aktuell eine Abkehr in Sicht. Was ist von der aktuellen Straffung der Geldpolitik zu erwarten und wie hoch werden die Leitzinsen steigen?

  

«Eine Rezession ist nicht in Sicht.»

 

Was ist von der Bilanzreduktion der Notenbanken zu erwarten?

Die geldpolitischen Massnahmen, die während der Pandemie zur Unterstützung der Wirtschaft eingesetzt wurden, führten zu Höchstständen der Bilanzsummen der Notenbanken. Nun ist eine Trendwende in Sicht. Die Bank of England sowie die US-Notenbank Fed beendeten jüngst ihre Anleihenkaufprogramme. Der Bilanzabbau dürfte in Kürze starten und schrittweise erfolgen. Staatsanleihen werden nach Laufzeitende nicht mehr reinvestiert. In der Eurozone werden die Käufe im Herbst eingestellt.


Bilanzsummen Zentralbanken


Die Rückführung der Bilanzsumme fällt im Umfang geringer aus als der Anstieg. Hinzu kommt, dass die expansive Geldpolitik über Jahre hinweg nicht inflationär wirkte. Es ist daher wenig wahrscheinlich, dass die Reduktion den umgekehrten Effekt bewirkt. Die Marktliquidität ist ebenfalls wenig tangiert. Die Bedingungen für die Liquidität verändern sich nur, wenn sich gleichzeitig auch das Angebot und die Nachfrage nach Liquidität abrupt verändern. Das ist aktuell nicht zu beobachten. Geht die Bilanzreduktion wie erwartet kontrolliert voran, ist der Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung und die Finanzmärkte somit minimal.

 

Wie hoch werden die Leitzinsen ansteigen?

Trotz ersten Leitzinserhöhungen sind die Zinsen im historischen Vergleich weiterhin tief. Aktuell besteht somit noch Raum die Zinsen zu erhöhen, ohne der Wirtschaft zu schaden. Mit der Trendumkehr bei den Zinsen stellt sich die Frage, auf welches Niveau die Zinsen im aktuellen Erhöhungszyklus steigen werden. Dies ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig.

  1. Der Gleichgewichtszinssatz der Notenbanken spielt dabei eine wichtige Rolle. Dieser Zinssatz entspricht dem Wert, der die Wirtschaft weder dämpft noch stimuliert. Dieser Wert wird in den USA auf unter ein Prozent geschätzt.
  2. Weiter ist entscheidend, wie stark die Notenbanken auf die Inflationsbekämpfung fokussieren. Themen wie das Wirtschaftswachstum oder die Verschuldung könnten ebenfalls in die Entscheidungen der Notenbanken einfliessen. Insbesondere die Verschuldung ist während der Pandemie stark angestiegen. Ein zu starker Anstieg der Zinsen könnte die Verschuldungssituation einzelner Länder verschärfen.

Es ist wahrscheinlich, dass der Höhepunkt im aktuellen Zinserhöhungszyklus deutlich tiefer ausfallen wird als in vergangenen Phasen. Das Hauptrisiko ist auf der Seite der Inflation zu finden. Sollte die zyklische Inflation nicht zurückgehen, müssten die Leitzinsen auf Kosten des Wirtschaftswachstums stärker angehoben werden. In Bezug auf die Inflation darf man nicht vergessen, dass strukturelle Faktoren, welche die Inflation vor der Pandemie auf tiefem Level hielten, nach wie vor vorhanden sind. So zum Beispiel der technologische Fortschritt. Der Höchststand der Leitzinsen wird in den meisten Regionen im Bereich zwischen zwei bis drei Prozent zum Ende des Jahres 2023 erwartet. Ein Anstieg auf fünf Prozent oder mehr ist unwahrscheinlich.


Nominalzinsen


Vergleich mit der Vergangenheit

Die geldpolitische Straffung geht im aktuellen Zyklus vorsichtig voran. Gleichzeitig ist der Druck auf die Notenbanken so hoch wie noch nie. Die Inflation weist in den USA den höchsten Wert seit 40 Jahren auf. 

In der Vergangenheit starteten die Notenbanken die geldpolitische Straffung sobald sich die wirtschaftliche Erholung etabliert hat. Aktuell ist die Arbeitslosenrate tiefer und das Lohnwachstum höher als im Durchschnitt der vergangenen Erhöhungsphasen. Auch die Inflation ist bereits deutlich höher. Die Zentralbanken haben diesmal mit der geldpolitischen Verschärfung im Vergleich lange zugewartet.


Konjunkturdaten


Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Auf die meisten Zinserhöhungszyklen folgte eine Rezession. Diese Tatsache könnte ein Grund für das aktuell zögerliche Vorgehen seitens Notenbanken sein. Eine wirtschaftlich weiche Landung ist zwar schwierig zu erzielen, aber durchaus möglich.

Ein allgemeingültiges Muster lässt sich aber nicht erkennen. Die Aktienmärkte konnten im Durchschnitt auch während der Phase steigender Zinsen zulegen. Die Renditen auf der Obligationenseite sind im Durchschnitt um 95 Basispunkte angestiegen. Der Renditeanstieg fiel jedoch geringer aus als der Anstieg bei den Leitzinsen. Dieser betrug in den USA im Mittel knapp drei Prozent.


Fazit

Aufgrund der Pandemie und des Krieges in der Ukraine ist der aktuelle Zinserhöhungszyklus von grosser Unsicherheit geprägt. Nichtsdestotrotz geht der geldpolitische Normalisierungsprozess weiter. Die hohen Inflationsraten lassen den Notenbanken keine andere Wahl. Der Höchststand der Leitzinsen dürfte tiefer ausfallen als im historischen Vergleich.

In den kommenden Monaten wird entscheidend sein, in welchem Ausmass die geldpolitische Straffung die Finanzierungskonditionen in der Realwirtschaft beeinflusst. Sollten sich die Finanzierungsbedingungen weiter verschlechtern, werden die Notenbanken die Leitzinsen weniger stark erhöhen. In der Summe deutet momentan vieles auf ein moderates Vorgehen seitens Notenbanken hin.

Anlegerinnen und Anlegern empfehlen wir auch in Zinserhöhungszyklen systematisch und breit diversifiziert in verschiedene Anlageklassen und -segmente zu investieren und an ihrer Anlagestrategie festzuhalten.



Gemeinsam wachsen.