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Trotz Pandemie: Wall Street im Höhenflug.

Datum: 07.12.2020 

Im Interview mit Jens Korte spricht Martina Müller-Kamp, Mitglied der Geschäftsleitung der Graubündner Kantonalbank über den aktuellen Höhenflug von Aktien an der Wall Street.

 

Der designierte US-Präsident Joe Biden hat letzte Woche die ehemalige Notenbank-Chefin Janet Yellen als neue Finanzministerin vorgestellt. Was hält die Wall Street davon, und was bedeutet das für das Verhältnis zu Europa?
Es ist ein historischer Entscheid. Janet Yellen wird die erste Finanzministerin in der Geschichte der USA sein und die Wall Street war grundsätzlich zufrieden mit dieser Wahl. Yellen gilt als moderat und die Anlegerinnen und Anleger an der Wall Street wissen in etwa, welche Politik die neue Finanzministerin verfolgen wird. Es wird kaum neue Regulierungen geben, zudem ist Janet Yellen ist eine Befürworterin des globalen Handels und von Institutionen wie etwa der Welthandelsorganisation. Das dürfte dann auch die Wogen zwischen Europa und den USA weiter glätten.

 

Der Wallstreet ist im letzten Monat historisches gelungen: Der Dow Jones hat die 30`000-Punkte-Marke geknackt. Woher kommt diese Euphorie?
Das billige Geld der Notenbanken treibt die Hausse mit Sicherheit an. Zudem wird an der Börse die Zukunft gehandelt, und da sind es wohl auch die Nachrichten rund um die Impfstoffe, welche Anlegerinnen und Anleger weiter optimistisch stimmen. Diese Entwicklung ist jedoch sehr weit weg von der Realität. Denn die Infektionszahlen in den USA sind hoch und viele Krankenhäuser an der Belastungsgrenze angekommen.

 

Der Dow Jones bricht also Rekorde während die Konjunktur von der Pandemie stark belastet wird. Zeigt sich das auch bei einzelnen Industrien?
Die Kursentwicklung bei den Aktien der grossen US-Fluggesellschaften zeigt die Realitätsblindheit sehr deutlich. Dort gab es in den letzten Tagen massive Kursgewinne und das obschon die meisten Airlines wegen der steigenden Fallzahlen mit nochmals deutlich tieferem Passagieraufkommen rechnen. Die Fluggesellschaft Delta zum Beispiel rechnet damit, dass sie im vierten Quartal zwischen 12 und 14 Millionen Dollar pro Tag verbrennt, und trotzdem ging es mit der Delta-Aktie nach oben.

 

Nicht nur Aktien, sondern auch Kryptowährungen wie Bitcoin haben neue Rekorde erreicht. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Grundsätzlich halte ich Bitcoin und andere Kryptowährungen für hochspekulativ. Aber, Spekulation hin oder her, sie liegen derzeit im Trend. Es erinnert mich an die Zeit vor der Dotcom-Blase. Ein Beispiel: Wir hatten letzthin einen Handwerker zu Hause und er hat mich gefragt, ob er in Bitcoin investieren soll. Ähnlich war es damals Ende der 90er-Jahre mit den Aktien der Internet-Firmen. Da wollten plötzlich auch Börsenneulinge mitverdienen am Dotcom-Hype. Allerdings muss man sagen, dass zurzeit auch institutionelle Anleger wie Banken mit dem Einstieg in Kryptos liebäugeln. Ich persönlich wäre aber vorsichtig mit solchen Investments.

 

 

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