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Verrücktes Treiben an der Wall Street.

Datum: 01.02.2021 

Im Interview mit Jens Korte spricht Martina Müller-Kamp, Mitglied der Geschäftsleitung der Graubündner Kantonalbank über das aktuelle Geschehen an der Wall Street.

 

 

Jens Korte, die Investoren stürzen sich derzeit auf nahezu unbekannte Nebenwerte und sprechen sich dazu vermehrt über soziale Netzwerke ab. Was passiert gerade bei Ihnen an der Wallstreet?
 
Ein unglaublicher Trend, den wir hier beobachten. Dass die Kurse kleiner Nebenwerte, beinahe schon Penny Stocks, durch die Decke gehen. Dahinter stecken Day Trader, die sich auf sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Reddit verabreden, um eine Aktie unbegrenzt in die Höhe zu treiben. Eines der prominenten Beispiele war GameStop, eine Einzelhandelskette, die auf Videospiele spezialisiert ist. Letztes Jahr lag die Aktie bei 2.50 US-Dollar und letzte Woche hatten wir plötzlich einen Kurs von über 300 Dollar. Ohne, dass sich bei der Firma inhaltlich irgendetwas geändert hätte.

 

Ein weiteres Phänomen sind sogenannte SPACs – Special Purpose Acquisiton Companies – was steckt dahinter?

Die SPACs sind Firmen, die bei ihrem Börsengang noch nicht bekannt geben, was sie genau machen wollen. Das sind also eine Art Blanko-Check Unternehmen, welche mit dem Börsengang bei den Investoren Geld sammeln, ohne dass der Investor weiss, in was genau er investiert. Klar ist einzig, dass sie sich danach, mit mehr oder weniger gefüllter Kasse, auf die Suche nach fusionswilligen Firmen machen. So gelangen sie zu ihrem eigentlichen Geschäftszweck, indem sie Firmen aufkaufen oder mit ihnen fusionieren. Im ersten Monat dieses Jahres sind bereits über 70 SPACs an die Börse gegangen und haben über 20 Milliarden Dollar eingesammelt. Trotz des Erfolgs, es ist ein sehr intransparentes Vorgehen. Und eigentlich sind die Börsen ja dazu da, Transparenz zu schaffen.

 

Wird die neue US-Regierung diesem Treiben tatenlos zusehen?

Ich denke nicht. Denn das Wirtschaftsteam von Joe Biden besteht zu einem grossen Teil aus Leuten, die auch der Obama-Administration angehört haben: Gary Gensler zum Beispiel. Er ist unter Obama scharf gegen die Derivate-Industrie vorgegangen und jetzt soll er Chef der Börsenaufsicht werden. In dieser Funktion wird er wohl dem verrückten Treiben an der Wall Street nicht lange untätig zuschauen.

 

Eine weitere wichtige Figur im Kabinett von Joe Biden ist Janet Yellen. Was ist von ihr zu erwarten?

Janet Yellen war Notenbankchefin unter Obama und wird jetzt die erste Frau an der Spitze des US-Finanzministeriums. Sie hat sich Im Vorfeld für das Covid-Hilfspaket von Joe Biden in der Höhe von 1.9 Billionen Dollar stark gemacht. Ob es sinnvoll ist, eine so grosse Summe in ein Konjunkturpaket zu stecken, das wage ich zu bezweifeln. Denn es gibt viele strukturelle Probleme in den USA und die löst man nicht mit üppigen Finanzspritzen. Der Wall Street aber würde das gefallen, so sehen wir auch in diesem Jahr schon zahlreiche Rekorde. Langweilig wird es also nicht werden.

 

 

 

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