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US Wirtschaft mit Schönheitsfehlern.

Datum: 02.05.2022 

​Die Anlage-Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wallstreet.

Es war ein turbulenter April auch an der Wall Street. Besonders hart hat es Technologiefirmen getroffen. Die Aktienkurse haben teilweise massiv an Wert verloren. Was war die Ursache für die schlechte Stimmung?

Es gab Schönheitsfehler in den Quartalszahlen gewisser Technologieunternehmen. Schönheitsfehler deshalb, weil es der US Wirtschaft grundsätzlich gut geht, aber zum Beispiel Amazon ein unterdurchschnittliches Umsatzwachstum von «nur» sieben Prozent präsentierte. Das ist das tiefste Quartalswachstum seit 2001. Aber auch die Video-Streaming-Plattform Netflix konnte die Investoren nicht rundum zufrieden stellen: Zum ersten Mal hat das Unternehmen Nutzerinnen und Nutzer verloren.

Diese Entwicklung, oder eben Schönheitsfehler und die steigenden Zinsen haben dazu geführt, dass die Tech-Werte in den USA stark eingebrochen sind. Netflix zum Beispiel hat rund 60 Prozent verloren und Meta Platforms, der Mutterkonzern von Facebook, musste ebenfalls einen Kursverlust von 20 Prozent hinnehmen. Insgesamt musste der Nasdaq Composite Index das grösste Minus seit Anfang 2020, also seit Beginn der Pandemie hinnehmen.

Ist das eine Trendwende und das Ende der US-Technologie-Giganten?

Die immensen Gewinne der letzten anderthalb Jahre sind wohl vorbei. Aber das Ende der Tech-Giganten ist es nicht. Bleiben wir bei Amazon als Beispiel: Der Konzern hat während des ersten Quartals vor einem Jahr ein Umsatzwachstum von 40 Prozent verbucht. Solche Wachstumsraten lassen sich über die Dauer nicht aufrechterhalten. Ähnlich ist es Apple ergangen, der Konzern konnte die Wachstumsraten aus der Pandemie nicht halten, was die Börse dann prompt abgestraft hat.

Daneben sind nach wie vor die Lieferengpässe ein Problem. Laut Einschätzung des Halbleiterherstellers Intel kann es gut sein, dass die Lieferengpässe bei Computer-Chips noch bis 2024 anhalten. Das wiederum erhöht die Kosten und belastet die Resultate. Dann bremsen die Lockdowns in China das Wachstum sowohl auf Seite der Konsumentinnen und Konsumenten wie auch bei der Produktion, denn China ist einer der wichtigsten Produktionsstandorte für Halbleiter weltweit.

Allgemein ist an den Börsen zurzeit viel Unsicherheit zu spüren. Wie schätzen Sie das momentane Umfeld und die Entwicklung in den nächsten Wochen ein?

Das hängt in den USA sehr stark vom Konsum ab. Das Land lebt von den Verbrauchern, also von den Konsumentinnen und Konsumenten. Und hier ist die Frage, wie stark die hohe Inflation den Konsum belastet. Erste Anzeichen, dass die USA in eine Rezession schlittern könnte, gab es bereits. Das Bruttoinlandprodukt ist im ersten Quartal überraschend um 1.4 Prozent gesunken und nicht, wie erwartet, um ein Prozent gestiegen. Einen Rezession wären zwei negative Quartale hintereinander. Doch davon gehen die meisten Ökonominnen nicht aus, dies weil sich der Konsum bis jetzt sehr robust zeigt.




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