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«US-Infrastruktur und Arbeitsmarkt.»

Datum: 06.09.2021 


Die Anlage-Expertinnen und -Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wall Street.



Herr Korte, das waren dramatische Bilder, die wir in den letzten Wochen von den Stürmen aus den USA gesehen haben. Unterstreicht das die Notwendigkeit von Infrastrukturinvestitionen?
 
Hurrikan Ida hat in New York und vorher in Louisiana riesige Schäden angerichtet. Die amerikanische Infrastruktur ist auf diese Wetterextreme nicht vorbereitet. Es ist zwar geplant, ein neues Infrastrukturprogramm über eine Billion Dollar auf den Weg zu bringen. Wenn dieses kommt, könnte das auch den Infrastruktur-Aktien gut tun. Die Frage bleibt aber: Was konkret soll mit dem Geld gemacht werden? Immer wieder gefordert wurde ja, die Stromnetze unter die Erde zu legen. Gemäss aktuellen Zahlen kostet es etwa zwei Millionen Dollar, um eine Meile unterirdisch zu verlegen. Durch den Hurrikan Ida waren in Louisiana und dem Nachbarstaat rund 1500 Meilen betroffen. Somit würde allein die Verlegung dieses Stromnetzes rund zwei Billionen, also 2000 Milliarden Dollar, kosten. Geld, das schlicht nicht vorhanden ist. 


Wir sprechen an dieser Stelle häufiger über die letzten Arbeitsmarktdaten. Aber so daneben wie bei den Augustdaten lagen die Ökonomen selten. Was ist da passiert?
 
Der jüngste Arbeitsmarktbericht war wirklich spannend. 235‘000 neue Jobs, so wenige wie noch nie seit Januar. Die Wallstreet hatte mit rund 720‘000 neuen Stellen gerechnet. Offiziell ist es vor allem die Delta-Variante, weshalb Unternehmen zum Beispiel in der Service-Industrie nicht so viele Leute einstellen. Zudem kehrten Leute aus Angst vor einer Infizierung nicht zu ihrem Job zurück. Meiner Meinung nach reicht das aber nicht als Erklärung. Wir hatten im Juli über eine Million neue Jobs und jetzt auf einmal nur noch rund ein Viertel davon. Ich glaube, wir sehen hier eine veränderte Dynamik am Arbeitsmarkt. Viele Amerikaner sind nicht mehr bereit, zu teilweise schlecht bezahlten Jobs zurückzukehren. Zum Beispiel Kellnerinnen und Kellner. Die haben gesetzlich Anspruch auf einen Mindestlohn von nur rund 2.30 Dollar pro Stunde. Nehmen wir noch eine andere Statistik: Es gibt über 10 Millionen offene Stellen in den USA und gleichzeitig etwa sieben Millionen arbeitslose Menschen. Rein statistisch wären eigentlich genügend Jobs da. Aber da muss vor allem die Bezahlung stimmen, um die Leute wieder zurück an den Arbeitsplatz zu bewegen. 


Nicht zu arbeiten, muss man sich aber auch leisten können. Ab dieser Woche endet das Hilfsprogramm für arbeitslose Amerikaner, das für viele Familien zu einer wichtigen Stütze in der Pandemie geworden ist. Was hat das für Konsequenzen für den Arbeitsmarkt? 

Es ist ein sehr kontroverses Thema in den USA, ob viele Amerikaner wegen dieser zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung gesagt haben, lieber nicht zu arbeiten. Zu Beginn der Pandemie wurden wöchentlich zusätzlich 600 Dollar gezahlt. Das wurde dann reduziert auf 300 Dollar pro Woche. Dieses Programm endet jetzt und es ist eine spannende Frage, ob das Ende dieser Sondermittel die Leute dazu zwingt, wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Meiner Meinung nach sind viele Jobs in den USA so kläglich bezahlt, dass das Problem nicht die zu hohe Arbeitslosenunterstützung war, sondern dass im Vorfeld die Bezüge zu tief waren. Mal sehen, ob sich das ändert. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften, und ich gehe davon aus, dass die Löhne in den USA in der Tendenz anziehen werden.





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