GKB Hauptsitz Chur

«Steigende Preise und fragile Lieferketten.»

Datum: 06.10.2021 

 

Die Anlage-Expertinnen und -Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wall Street.

Unruhe herrscht derzeit an der Börse. Die Investoren sorgen sich vor der Inflation und vor der Frage, ob diese länger anhalten könnte als bisher erwartet. Jens Korte in New York, wie beurteilen die Akteure an der Wall Street die Inflationsentwicklung?

Wir haben hier in den USA die stärkste Teuerung seit 1991 – also seit ungefähr 30 Jahren. Der Grund dafür ist die starke Nachfrage, zum Beispiel nach Energie. Die Energiepreise sind im letzten Jahr um 25 Prozent gestiegen. Auch die Preise für Lebensmittel steigen tendenziell. Zudem läuft der Arbeitsmarkt sehr gut: Walmart sucht hunderttausende neuer Mitarbeiter und die Detailhandelsketten raten allgemein, so früh wie möglich für Weihnachten einkaufen zu gehen. Denn die globalen Lieferketten sind zurzeit sehr fragil und es könnte zu Engpässen kommen. Das sind alles Faktoren, welche die Preise in die Höhe treiben.


Wie gross ist dieses Problem der Engpässe bei den Lieferketten?

Das ist global ein gravierendes Problem. Der US-Sportartikelhersteller Nike zeigt es anschaulich: Nike produziert etwa 50 Prozent der Sportschuhe in Vietnam. Und dort ist wegen der Pandemie noch immer eine Vielzahl der Fabriken geschlossen. Ähnliche Meldungen gab es in den letzten Tagen auch vom Schweizer Laufschuhhersteller ON. Das zeigt, dass diese fehlenden Produktionskapazitäten weltweit zu Lieferengpässen führen.

Hier in den USA haben die Engpässe noch andere Ursachen. Vor der Küste Kaliforniens stauen sich die Containerschiffe. Etwa 60 bis 70 Schiffe warten dort jeden Tag, dass sie in den Häfen Kaliforniens ihre Ladung löschen können. Und das sind keine Nebenschauplätze, das sind die grössten Häfen der Vereinigten Staaten. Sie kämpfen mit der grossen Nachfrage, bräuchten mehr Personal und mehr Ressourcen. Niemand hat hier in den USA damit gerechnet, dass sich die Wirtschaft so schnell von der Pandemie erholen wird. Und wenn die Nachfrage stark ist und das Angebot nicht mithalten kann, dann führt das zu einer deutlichen Teuerung.


Um eine drohende Inflation zu bekämpfen, könnten die Notenbanken deutlich stärker gefordert werden, als bisher erwartet. Wie äussert sich die US-Notenbank zu diesem Thema?

US-Notenbankchef Powell hat letzthin zugegeben, dass die Preise stärker steigen würden, als vom Direktorium der Bank erwartet. Ebenso hat er eingeräumt, dass diese Preissteigerung möglicherweise auch länger dauern wird als angenommen. Möglich also, dass die Notenbank die Geldpolitik früher als ursprünglich gewollt ändern muss. Diese Erkenntnis hatte zuletzt auch auf die Stimmung an der Börse gedrückt. Der S&P 500 war im September um fast fünf Prozent gefallen. Damit war es der schlechteste Monat seit März 2020. Jetzt befindet sich die Notenbank in einem Dilemma: Wenn sie zu viel Stimulus wegnimmt, könnte das die Finanzmärkte und die Wirtschaft bremsen. Stimuliert sie hingegen weiter wie gewohnt, könnte das zu einer gewissen Überhitzung führen – was dann die Inflation erst recht antreiben würde. So oder so, dieses Thema wird uns noch eine Weile erhalten bleiben. Deshalb gehe ich davon aus, dass die turbulente Phase an den Aktienmärkten, wie wir sie zuletzt gesehen haben, weiter Bestand haben wird.

 

Gemeinsam wachsen.