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Wieso sinken die US-Zinsen?

Datum: 19.07.2021 
Autor: Daniel Lüchinger

Aktuell eines der grössten Rätsel an den Finanzmärkten ist die Entwicklung der Zinsen von US-Staatsanleihen – der risikolosen Anlage schlechthin. Wie kann es sein, dass die langfristigen US-Zinsen sinken trotz der höchsten Inflation seit Jahrzehnten und einer gleichzeitig boomenden Wirtschaft?


«Der Zinsrückgang wird nur kurzfristig sein.»


Die Weltwirtschaft befindet sich auf dem Erholungspfad. Einmal mehr weiss die US-Wirtschaft als Wachstumsmotor zu überzeugen. Schätzungen der «Federal Reserve Bank of Atlanta» zufolge dürfte das Bruttoinlandprodukt der USA im zweiten Quartal um rund 7.5 Prozent gestiegen sein. Vergangene Woche wurde zudem eindrücklich bestätigt, dass die konjunkturelle Erholung nicht spurlos an den Verbraucherpreisen vorbeigeht. Diese haben sich im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5.4 Prozent erhöht – gleichbedeutend mit dem höchsten Anstieg seit August 2008. Fed-Chef Jerome Powell vertritt allerdings weiter die Meinung, dass der starke Inflationsdruck nur temporärer Natur sei und die Inflation im nächsten Jahr wieder zurückgehe. Eine Änderung der geldpolitischen Ausrichtung sieht er daher als verfrüht.

Wirtschaftswachstum und erhöhte Inflation – diese Kombination spricht eigentlich für steigende US-Zinsen. Doch die Finanzmärkte reagieren gelassen auf die neusten Inflationsdaten. Mit knapp 1.3 Prozent zum Schluss der letzten Woche liegen die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen deutlich unter dem Höchstwert in diesem Jahr. Aber nicht nur das: gemäss einer Umfrage des Finanznachrichtendienstes Bloomberg sehen die meisten Ökonomen die Zinsen in diesem Quartal rund ein halbes Prozent höher als jetzt. Die tatsächliche Entwicklung ist aber eine andere. Die Zinsen sind in acht der letzten neun Wochen gesunken. Vor allem drei Gründe sind für diese Entwicklung anzuführen:

  • Die Finanzmärkte betrachten die erhöhte Inflation als rein temporäres Phänomen und beurteilen den Höhepunkt sowohl in der Inflationsentwicklung als auch im Wirtschaftswachstum als überschritten. Wichtig: die Wachstumsgeschwindigkeit nimmt zwar ab, das Wachstum bleibt aber weiterhin überdurchschnittlich hoch.

  • Auch technische Aspekte spielen eine Rolle. So hat das amerikanische Schatzamt in den letzten Monaten nur wenige Anleihen emittiert. Das Angebot war also beschränkt, die Nachfrage vor allem von der US-Notenbank Fed selber aber ungebrochen hoch.

  • Für internationale Investoren sind die US-Zinsen noch immer attraktiv. Im Vergleich dazu sind die Zinsen beispielsweise in der Schweiz anhaltend negativ. Die Absicherungskosten des US-Dollars sind zudem tief. Diese zusätzliche Auslandsnachfrage drückt ebenfalls auf die US-Zinsen.

Es gibt also durchaus gute Gründe für rückläufige Zinsen in USA – trotz Wirtschaftsboom und erhöhter Inflation. Diese sind aber in der Mehrzahl kurzfristiger Natur. Der ökonomische Normalisierungspfad wird die Zinsen bis zum Jahresende wieder ansteigen lassen, wenn auch nur leicht. Dies vor allem, weil die Notenbanken generell der bestimmende Faktor im Obligationenmarkt sind. Um die wirtschaftliche Entwicklung nicht frühzeitig abzuwürgen, bleiben die Notenbanken daher an freundlichen Finanzierungsbedingungen für die Staaten und Unternehmen interessiert.  




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