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Steigende Preise: Schreckgespenst Stagflation

Datum: 11.10.2021 
Autor: Daniel Lüchinger

Aktuell sorgen diverse Unsicherheiten für Nervosität an den internationalen Aktienmärkten. Auslöser war die Krise am Immobilienmarkt in China. Zusätzlich belasten die abnehmende konjunkturelle Wachstumsdynamik. Im heutigen Anlage-Fokus werfen wir deshalb einen Blick auf das wirtschaftliche Szenario einer Stagflation. Dieses hat zuletzt erhöhte Aufmerksamkeit erlangt. Erleben wir jetzt eine Phase mit hoher Inflation und gleichzeitig tiefem Wachstum, wie dies zuletzt in den 1970er Jahren der Fall war?

«Stagflationsängste sind unberechtigt.»


Die rasche Öffnung der Wirtschaft und die Geldspritzen der Notenbanken haben für schnelles Wachstum gesorgt. Eine Nachfrage gedopt von diesen Stimulierungsmassnahmen trifft auf ein durch Lieferengpässe eingeschränktes Angebot. Die Folge sind stark steigende Preise, beispielsweise für Erdgas und Rohöl. Die Inflation steigt und bleibt aktuell – ausser in der Schweiz – hoch. In den USA liegt die Teuerung derzeit bei über 5 Prozent und in der Eurozone hat sie im September mit 3.4 Prozent den höchsten Wert seit knapp 13 Jahren erreicht.
Wir erwarten, dass die stärksten Treiber für diesen Inflationsanstieg temporärer Natur sind und sehen keine Rückkehr in die 1970er Jahre. Trotzdem wird die Inflation noch für einige Monate erhöht bleiben. Spannend ist, dass Inflation den Risiko-Appetit von Anlegerinnen und Anlegern beeinflusst. Vereinfacht kann man die Aktienmarktrendite in die beiden Bestandteile Bewertung oder Risiko-Appetit und Gewinnwachstum unterteilen. Die aktuelle Korrektur am Schweizer Aktienmarkt ist vor allem von der erhöhten Risikowahrnehmung getrieben. Da wir nicht von einer anhaltend hohen Inflation ausgehen, sollte sich die Lage am Aktienmarkt wieder normalisieren. Wichtig ist vor allem, dass das Gewinnwachstum weiterhin intakt bleibt. Diesbezüglich erhalten wir im Verlaufe dieses Monats mit den Quartalsabschlüssen erste Hinweise. Anlegerinnen und Anleger warten deshalb gespannt auf die anstehende Unternehmensberichtssaison. Gute Geschäftszahlen würden die Märkte stützen. Gewinnrevisionen beziehungsweise ein weniger positiver Ausblick, getrieben von steigenden Rohstoffpreisen und damit verbundenem Margendruck, könnten negativ wirken.

Die Schwankungen an den Aktienmärkten haben sich wieder erhöht. Dies ist aber kein Grund zur Sorge, sondern eher eine Rückkehr zur Normalität. Unser Basisszenario einer länger anhaltenden wirtschaftlichen Erholung bleibt intakt, auch wenn der Wachstumshöhepunkt überschritten ist. Die Konjunkturdaten haben zwar jüngst enttäuscht, nichtsdestotrotz erwarten wir für die kommenden Quartale ein überdurchschnittliches Wachstum. Aufgrund der weiterhin guten wirtschaftlichen Aussichten und der weiter steigenden Unternehmensgewinne erachten wir Stagflationsängste als unberechtigt. In diesem Umfeld bleiben Aktien die bevorzugte Anlageklasse.

Daniel Lüchinger, Leiter Research und Anlagetechnik bei der Graubündner Kantonalbank



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