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«Realwirtschaft und Aktienmärkte.»

Datum: 07.09.2020 

Im Interview mit Jens Korte wirft Martina Müller-Kamp, Mitglied der Geschäftsleitung der Graubündner Kantonalbank einen Blick auf die aktuelle Marktentwicklung.

 

 

Jens Korte, die Wall Street verbuchte in den letzten Wochen einen gewaltigen Anstieg. Ein Rekord jagte den nächsten. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Ich habe an der Wall Street schon einiges erlebt. Aber das, was sich in den letzten Monaten in dieser Heftigkeit abgespielt hat, habe ich noch nicht gesehen. Das gilt vor allem für Technologieaktien. Der Nasdaq Composite hatte erst im Juni zum ersten Mal in der Geschichte 10'000 Punkte übersprungen. Inzwischen haben wir sogar die 12'000-Punkte-Marke geknackt. Dies wurde nicht zuletzt durch die Aktionen der Notenbanken möglich, die es in dieser Form auch noch nie gegeben hat.

 

Die US-Wirtschaft scheint sich gemäss den jüngsten Daten stetig zu erholen. Wie empfinden Sie diese konjunkturelle Erholung vor Ort?

Tatsächlich hat sich die Situation in der amerikanischen Wirtschaft in den vergangenen Monaten stetig verbessert. Ob diese Entwicklung diesen extremen Anstieg der Aktienkurse rechtfertigt, wage ich anzuzweifeln. Zoom Video zum Beispiel hat sehr gute Quartalszahlen gemeldet und den Umsatz gegenüber dem Vorjahr mehr als vervierfacht. Die Aktie war daraufhin an einem Tag um 40 Prozent gestiegen, hatte in der Marktbewertung über 30 Milliarden Dollar zugelegt und war dann auf über 130 Milliarden Dollar angekommen. Damit war Zoom Video auf einmal mehr wert als IBM.

Wenn ich mir die wirtschaftliche Realität anschaue, vergeht kein Tag, an dem ich in den Zeitungen nicht von neuen Entlassungen lese; sei dies in der Autoindustrie, im Luftfahrtsektor, im Unterhaltungsbereich und bei Gaststätten und im Detailhandel. Die amerikanische Wirtschaft verbessert sich stetig. Das gilt tendenziell auch für den Arbeitsmarkt. Aber wir sind weit davon entfernt, dass wir hier wirklich schon Entwarnung geben könnten.

 


Was bedeutet die wirtschaftliche Entwicklung für die Wiederwahlchancen von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen im November?

Das ist die Karte, auf die der amerikanische Präsident setzt. Er hofft, dass sich die Wirtschaft weiter verbessert. Man muss jedoch sagen, dass das, was am Aktienmarkt derzeit passiert, wenig mit der Realwirtschaft zu tun hat. US-Präsident Bill Clinton hatte ja mal den Spruch geprägt: «It's the economy, stupid!» Mit anderen Worten: Die Wirtschaft entscheidet letztlich darüber, wer Präsident wird. In diesem Jahr wird die grosse Frage sein, ob dieser Wahlspruch weiterhin Gültigkeit haben wird. Wenn man die Amerikaner fragt, wer die Wirtschaft besser managt, liegt Trump bei Umfragen leicht vorne. Fragt man hingegen, wer besser mit der Pandemie umgeht, dann zeigt das Barometer klar in Richtung Biden.
Die grosse Frage im November wird sein, was den Amerikanern wichtiger ist – der Umgang mit der Pandemie oder die wirtschaftliche Entwicklung.

 

Fazit

Das aktuelle Anlageumfeld wird einerseits durch hohe Bewertungen, die US-Präsidentschaftswahlen und unsichere konjunkturelle Aussichten und andererseits durch eine extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken bestimmt. Anlegerinnen und Anlegern steht ein volatiler Herbst bevor.

 


 

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