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Sind die Aktienmärkte zu optimistisch?

Datum: 14.12.2020 
Autor: Daniel Lüchinger

Die Brexit-Verhandlungen gehen einmal mehr in die Verlängerung. Deutschland verhängt ab Mittwoch wieder einen Lockdown. Und die Coronavirus-Infektionen steigen weltweit weiter an. Trotz diesen wenig erfreulichen Nachrichten handeln die Aktienindizes nahe ihrer Höchststände. Zwar verzeichneten die Aktienmärkte vergangene Woche mehrheitlich Kursrückgänge, doch im Vergleich zu den Kursgewinnen der vorhergehenden Wochen sind diese bescheiden. Es scheint, als wären schlechte Zeiten für die Wirtschaft gute Zeiten für die Börse. Wie ist dies zu erklären?

 

«Es scheint, als wären schlechte Zeiten für die Wirtschaft gute Zeiten für die Börse.»

 

Nach den Entwicklungen dieses Jahres ist es naheliegend zu glauben, dass bereits zu viel Positives in den Aktienkursen eingepreist ist und es kurzfristig wohl kaum mehr Potenzial für Kursauftrieb gibt. Tatsächlich sind bereits viele gute Nachrichten in den Aktienkursen vorweggenommen worden: So hat im November die Nachricht von wirkungsvollen Corona-Impfstoffen die Aktienmärkte beflügelt, ebenso die Wahl des neuen US-Präsidenten. Auch die grosszügige Unterstützung der konjunkturellen Erholung durch die Notenbanken ist bereits weitgehend eingepreist – neue geldpolitische Handlungen wie zuletzt die Aufstockung der quantitativen Lockerungspolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) sorgte kaum für Kursbewegungen. Ein Blick auf vergangene Wirtschaftszyklen zeigt jedoch, dass Aktienkurse sich aktuell so verhalten, wie wir das von ihnen erwarten dürfen. Normalerweise wird ein neuer Bullenmarkt, also eine Phase anhaltend steigender Aktienkurse, nämlich in der Rezession geboren. Es ist nicht unüblich, dass die Aktienkurse nach einer Rezession höher sind als davor und erst zum Start des nächsten Wirtschaftseinbruchs wieder ihren Höchststand erreichen.

Die Risiken für weitere Kursfortschritte liegen vor allem in der zweiten Coronavirus-Welle. Die Impfungen müssen nun im grossen Stil anlaufen und die Impfbereitschaft in der Bevölkerung muss vorhanden sein. Zudem müssen sich die Impfstoffe als so hochwirksam und nebenwirkungsarm erweisen, wie in den Studienergebnissen der Pharmafirmen ausgewiesen. Bis hier mehr Klarheit herrscht und die von den Aktienmärkten angenommene Normalisierung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens tatsächlich einsetzt, könnte es noch einige Zeit dauern. Sollten die neuerlichen Lockdowns die Wirtschaft wieder zurück in eine Rezession werfen, ist eine Korrektur an den Aktienmärkten nicht ausgeschlossen.

Es gibt aber Grund für Optimismus. Die ersten Impfungen haben bereits begonnen und die Regierungen begleiten die Lockdowns mit entsprechenden Stimulierungsmassnahmen. Zudem sitzen vor allem die US-Konsumenten aufgrund der hohen Sparquote in diesem Jahr auf einem Haufen Geld. Und dieses will eingesetzt oder investiert werden.

Unser Fazit: Wirtschaftlich wird es erst schlimmer, bevor es besser wird. Sollten wir jedoch nicht in eine neue Rezession fallen – und dafür stehen die Zeichen gut – erwarten wir weiter steigende Aktienkurse.


 

Gemeinsam wachsen.