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Öl: Der Treibstoff unserer Industrie

Datum: 04.04.2022 

​Die Anlage-Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wallstreet.

Mit Jens G. Korte sprach Dr. Martina Müller-Kamp*

Die Popularitätswerte von Joe Biden sind mit den hohen Inflationsraten und den hohen Benzinpreisen deutlich gesunken. Joe Biden hat nun angekündigt, die strategischen Ölreserven anzapfen zu wollen und zwar um eine Millionen Barrel pro Tag. Für das nächste halbe Jahr. Wird das die Ölpreise nachhaltig senken?

Wir müssen diese strategischen Reserven, die nun angezapft werden sollen, in Relation setzen zum gesamten Ölverbrauch in den USA. Dieser beläuft sich auf etwa 20 Millionen Barrel pro Tag. Trotzdem gab es zunächst Reaktionen von den Märkten, dass der, nennen wir ihn «Kniff» von Joe Biden funktioniert. Der Ölpreis war am Tag der Ankündigung um etwa sechs Prozent gefallen; letzten Freitag lag der Preis zeitweilig sogar unter 100 Dollar pro Barrel. 

Aber grundsätzlich sind Zweifel angebracht, ob diese Aktion nachhaltig Erfolg haben kann. Weil wenn jetzt die strategischen Reserven angezapft werden, wird man diese in Zukunft wieder auffüllen müssen. Die Regierung müsste dann als Käufer am Markt auftreten und den Preis zeitweilig wieder in die Höhe treiben. Was Präsident Biden mit diesem «Kniff» nicht anpackt, ist das strukturelle Problem, nämlich dass es zu wenig Öl auf dem Markt gibt.

Letztendlich müssten also die Ölkonzerne also mehr Öl fördern. Wie will die US Regierung die Industrie dazu bringen?
Die Regierung von Joe Biden möchte Strafen erheben, wenn Ölunternehmen von ihren Schürfrechten nicht Gebrauch machen. Also kein Öl fördern, obschon dies tun dürften. Das Ganze hat eine gewisse schicksalshafte Ironie, wenn man bedenkt, dass Joe Biden bei seinem Amtsantritt noch den Green New Deal propagiert hat. Jetzt aber fordert er die Industrie dazu auf, möglichst viel Öl zu fördern. Doch sowohl die Aufrufe der Regierung wie die drohenden Strafen werden kurzfristig nicht viel bringen, weil vor allem die Fracking-Anlagen einige Zeit brauchen, bis sie wieder auf Vollast Öl fördern können.

Der hohe Ölpreis und die Inflation sind nur eine Quelle der Unsicherheit. Die Reaktionen der Notenbanken und der Krieg in der Ukraine sind weitere Faktoren, welche die Wirtschaft verunsichern. Wie beeinflussen diese turbulenten Zeiten die Stimmung an der Wall Street?
 
Grundsätzlich war die Stimmung zuletzt gar nicht so schlecht; der März brachte sogar eine positive Monatsbilanz. Im ersten Quartal allerdings ging es mit den Kursen rund fünf Prozent nach unten und damit war es das erste negative Quartal seit zwei Jahren. Ein positiveres Bild zeichnen die Arbeitsmarktdaten, die wir kurz vor dem Wochenende erhalten haben. Die Arbeitslosenquote ist von 3,8 auf 3,6 Prozent gefallen. Zum Vergleich: Im Februar 2020, also kurz bevor die Pandemie richtig losging, stand die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent. Sie war damit auf dem niedrigsten Stand der letzten 50 Jahre. Man kann also in den USA aktuell von einer Vollbeschäftigung sprechen. 

Der börsen-historische Blick auf den April zeigt, während den letzten 10 Jahren verbuchte die Wall Street im April immer eine positive Bilanz. Anfang Mai tagt dann die US Notenbank und es ist fest davon auszugehen, dass sie die Zinsen erneut anheben wird; wahrscheinlich sogar etwas stärker als beim letzten Zinsschritt, wo die Fed die Zinsen um 0.25 Prozent auf ein Zinsband von 0.25 bis 0.5 Prozent angehoben hat.



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