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US-Aktienmarkt – Korrektur oder Trendwende?

Datum: 10.09.2020 
Autor: Ivan Walser

Die grosskapitalisierten Technologiewerte eilten in den letzten Wochen von Rekord zu Rekord. Vom 3. bis 8. September hat der technologielastige Nasdaq 100 nun aber innerhalb von drei Handelstagen 10.9% eingebüsst. Nur eine temporäre Korrektur oder das Ende des Aufwärtstrends?

 

Daniel Lüchinger, Leiter Research und Anlagetechnik

«Es spricht viel für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends.»

 

 

Technologieaktien treiben den Markt

Der Index mit den wichtigsten Technologieaktien der Welt, der Nasdaq 100, ist seit Jahresbeginn um 39.6% gestiegen (Daten per 31.08.2020). Apple, Microsoft, Amazon, Google (Alphabet), Facebook und Netflix waren die Haupttreiber für die positive Entwicklung. Der Anteil dieser sechs Wachstumswerte im globalen Aktienindex MSCI World ist auf rund 15% angewachsen. Die Angebote von Technologieunternehmen werden im Alltag vieler Menschen immer wichtiger.

Die grössten Unternehmen im Nasdaq sind sehr profitabel, haben eine gesunde Bilanz und verzeichneten im ersten Halbjahr 2020 sogar ein Gewinnwachstum. Viele Analysten weisen deshalb gerne darauf hin, dass die gegenwärtige Entwicklung nicht mit der Internet-Blase von 1998 bis 2000 vergleichbar ist. Und trotzdem zeigt ein Blick auf die Bewertungen der US-Unternehmen, dass das Kurs/Gewinn-Verhältnis ein sehr hohes Niveau erreicht hat. Insbesondere bei den Technologieaktien ist der Kurs deutlich schneller gestiegen als der Gewinn pro Aktie.

 

Bewertung (KGV)

 

Hohe Bewertungen machen Aktienmärkte anfällig für Gewinnmitnahmen. Anlegerinnen und Anleger verkaufen einen Teil oder gleich die gesamte Position und realisieren ihre Gewinne. Bei schnellen, kräftigen Kursanstiegen kommt es auch öfters vor, dass eine hohe Anzahl von Investoren gleichzeitig aussteigt – so gesehen Anfang September. Der Nasdaq hat innerhalb von drei Handelstagen über 10% eingebüsst. Europäische Märkte haben sich in diesen Tagen besser gehalten. Der MSCI Europe Index (in EUR) hat vom 3. bis 8. September lediglich 1.9% verloren. Dies ist damit zu erklären, dass der europäische Markt weniger technologielastig ist. Im Umkehrschluss hat sich der europäische Aktienmarkt aufgrund des geringeren Gewichts im Technologiesektor über die letzten Jahre weniger gut entwickelt als der US-Aktienmarkt.

 

Aktien Europa vs. USA

 

Vieles spricht für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends

Ein Blick zurück in die Jahre 1998 bis 2000 –  als letztmals eine derart starke Phase bei den Wachstumswerten zu beobachten war – zeigt, dass Rückschläge im Umfang von rund -10% zu einem Aufwärtstrend dazugehören. Es handelt sich dabei um «gesunde» Korrekturen und bietet Anlegerinnen und Anlegern, welche die Rally verpasst haben, günstige(re) Einstiegsgelegenheiten.

Aus fundamentaler Sicht spricht aktuell wenig für eine Trendumkehr: Die Geldpolitik wird noch längere Zeit expansiv bleiben – tiefe Zinsen sind ein gutes Umfeld für Wachstumswerte. Die Fiskalpolitik unterstützt die Wirtschaft, welche sich nach wie vor auf dem Erholungspfad befindet. Zudem ist weiterhin viel Liquidität vorhanden, die gewinnbringend investiert werden möchte.

 

Was könnte zu einer Trendwende führen?

Dennoch gilt es die Entwicklung über die nächsten Wochen zu beobachten. Falls weitere Korrekturen folgen, werden Investoren vorsichtiger und sind wahrscheinlich nicht mehr bereit, jeden Preis für eine Aktie zu bezahlen. Mittelfristig könnte ein Wirtschaftsboom zu Inflation führen, was die Notenbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingen würde.

Das heisst nicht, dass die Märkte in einem solchen Szenario zusammenbrechen müssen. Es könnte aber zu einer Rotation – weg von Wachstumsaktien (Growth), hin zu unterbewerteten Aktien (Value) – kommen. EU-Länder haben in ihren Indizes ein hohes Gewicht in tief bewerteten Aktien (insbesondere Spanien und Italien). Die grosse Renditedifferenz, die sich in den letzten Jahren zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Markt aufgetan hat, könnte sich etwas verringern.

 

Anteil Value-Aktien

  

Diversifikation führt zu stabilerer Wertentwicklung

Niemand kann mit Gewissheit sagen, wann eine Korrektur oder auch eine Trendwende an den Aktienmärkten erfolgen wird. Oftmals erscheinen Entwicklungen erst im Nachhinein nachvollzieh- und erklärbar. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, das Aktienportfolio auf verschiedene Länder, Sektoren und auch Anlagestile (Qualität, Bewertung, Momentum und ESG) auszurichten und sich nicht zu stark auf bestimmte Trends und Themen zu fokussieren. Langfristige Anleger erhalten mit einem breit diversifizierten Aktienportfolio eine attraktive Prämie für ihr eingegangenes Risiko und können erst noch besser schlafen.

 



 

Gemeinsam wachsen.