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Hohe Zinsen gegen Inflation: zu Recht?

Datum: 18.07.2022 

​Die Anlage-Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wallstreet.

Jens G. Korte im Interview mit Adrian Schneider*

Jens Korte, die Inflation in den USA galoppiert regelrecht davon. Ist die Spitze bald erreicht?

Das grosse Thema an der an der Wall Street ist die Inflation. Aktuell messen wir mit über neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr den höchsten Preisanstieg seit über 40 Jahren. Es gibt jedoch einige wenige Anzeichen dafür, dass wir auf dem Höhepunkt angelangt sein könnten, so sind zum Beispiel die Ölpreise jüngst etwas zurückgegangen. Trotzdem werden die Preise hoch bleiben, auch wenn der Anstieg abflachen sollte.

Was unternimmt die Regierung von Joe Biden, um die Inflation zu bekämpfen?

Die Regierung von Joe Biden versucht alles, um die Inflation zu bekämpfen, denn das ist das Thema Nummer eins für die Bürgerinnen und Bürger in den USA. Zudem sind die Beliebtheitswerte von Joe Biden wegen dieser massiven Inflation in den Keller gerutscht.

Die Regierung hat zum Beispiel die strategischen Erdölreserven in historischem Ausmass angezapft und die Mineralölsteuer ausgesetzt. Allerdings hat beides nur halbherzig funktioniert, die Preise an der Zapfsäule sind nur minimal gesunken. Zudem war Biden in Saudi Arabien um für eine Erhöhung der Förderquoten zu werben, damit dank mehr Angebot die Preise sinken. Die Regierung versucht also vor allem die Energieversorgung zu normalisieren, bisher mit überschaubarem Erfolg.

Die US Notenbank hat letztmals im Juni die Zinsen erhöht. Waren Sie überrascht von der Höhe dieses Zinsschrittes?

Der Kurs der US Notenbank ist erstaunlich aggressiv. Wie aussergewöhnlich forsch diese Zinsschritte sind, zeigt abermals ein Vergleich: Die Zinserhöhung von Mitte Juni um 75 Basispunkte war der höchste Zinsschritt der USA seit 1994. Und auch bei der nächsten Zinssitzung wird ein Schritt von 75 Basispunkten erwartet. Auch 100 Basispunkte sind nicht ausgeschlossen, Notenbankchef Jerome Powell liess sich unlängst mit den Worten zitieren: «Keine Grössenordnung ist ausgeschlossen».

Wie gross ist die Unterstützung für die Zinserhöhungen der Notenbank?

Unumstritten ist der Kurs von Jerome Powell und seinen Kollegen nicht. Zum einen weil man den Nationalbanken selbst ja eine gewisse Schuld an dieser Inflation zuschreiben kann, denn sie haben über Jahre eine historisch tiefe, expansive Geldpolitik forciert. Es gibt jedoch immer mehr Ökonomen hier in den USA, die die Frage aufwerfen, ob die Zinserhöhungen wirklich das richtige Instrument sind um gegen die Inflation anzukämpfen. Nehmen wir zum Beispiel die Energiepreise, deren Anstieg hängt stark mit dem Krieg in der Ukraine zusammen; die hohen Zinsen helfen in dieser Situation wenig. Ähnlich verhält es sich mit den Preisen für Lebensmittel, auch da ist es primär eine Angebotsknappheit, die zu höheren Preisen führt.

Was bleibt denn noch übrig, falls die Zinsen nicht wirken sollten?

Es gibt einige Experten, die sagen, dass mehr von der fiskalpolitischen Seite getan werden müsste. Stichwort hier: Verbesserung der Kinderbetreuung. Das mag seltsam klingen, aber würde vielen Frauen erlauben zumindest Teilzeit arbeiten zu können. So könnten die vielen offenen Stellen besser besetzt werden, was wiederum den Anstieg der Löhne und damit die Inflation etwas dämpfen könnte.

* Adrian Schneider ist Leiter des Investment Centers der GKB.


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