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Finanzmärkte mit Fehlstart – Tiefpunkt erreicht?

Datum: 11.07.2022 

​Rück-& Ausblick zu den Börsenmärkten. Kommentiert von Adrian Schneider, Leiter Investment Center der Graubündner Kantonalbank.

Zitat: «Der Fokus auf das langfristige Anlageziel bleibt zentral.»

Die erste Hälfte des Anlagejahrs war mit einigen Herausforderungen verbunden: Der Schweizer Aktienmarkt, gemessen am Swiss Performance Index (SPI), korrigierte um mehr als 15 Prozent. Aussergewöhnlich war, dass nebst den Aktienmärkten gleichzeitig auch die Anleihenmärkte stark korrigiert haben. Wer in Schweizer Staatsanleihen investierte – notabene die sicherste Anlage für Schweizer Anleger – sieht sich ebenfalls mit Buchverlusten von mehr als 15 Prozent konfrontiert. Diese Gleichläufigkeit der beiden Anlageklassen führte dazu, dass Anlegerinnen und Anleger mit gemischten Anlagestrategien einen der schlechtesten Jahresstarts seit der Finanzkrise erlebten. Der Grund ist in der hohen Inflation zu finden. Die Zentralbanken verpassten es, frühzeitig die Zinsen zu erhöhen. Nun müssen sie mit ausserordentlich hohen Zinsschritten den Anschluss im Kampf gegen die Inflation finden, um ihre Kernaufgabe, den Erhalt der Preisstabilität, zu erfüllen. Während im letzten Jahr die hohe Inflation noch als temporäres Phänomen bezeichnet wurde, führte spätestens der Krieg in der Ukraine und der damit verbundene Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise zu der Erkenntnis, dass die Inflation nicht von alleine wieder sinkt. Höhere Zinsen führen zu tieferen Anleihepreisen und die Angst vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu tieferen Aktienkursen.

Die letzten Daten zur globalen Wirtschaftslage senden gemischte Signale. Während sich der Arbeitsmarkt sehr robust zeigt, ist eine beginnende Verlangsamung der Konsumentennachfrage und Verschlechterung der Stimmung bei Unternehmen zu erkennen. Erste Signale an den Finanzmärkten zeigen auch, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA sowie besonders in Europa stark gestiegen ist. So sind beispielsweise die Risikoprämien für Schuldner von schlechter Bonität in Europa auf eine Höhe gestiegen, die zuletzt nur in Krisenzeiten gesehen wurde. Zudem haben die Preise für Rohstoffe in den letzten Tagen stark korrigiert.

Die Unsicherheiten bleiben auch im zweiten Halbjahr hoch. Ob der Tiefpunkt bereits jetzt erreicht ist, wird sich zeigen. Die deutlichen Kurskorrekturen des ersten Halbjahrs bieten immer auch Chancen für Anlegerinnen und Anleger, welche nicht voll investiert sind. So warten Obligationen wieder mit deutlich höheren Renditen auf als Bargeld. Auch Wachstumsaktien wurden drastisch abgestraft und weisen vereinzelt Bewertungen aus, die dem starken Wachstum dieser Unternehmen nicht Rechnung tragen. Für Anlegende, die bereits investiert sind, ist weiterhin der Fokus auf das langfristige Anlageziel zentral. So starke Abverkäufe wie im ersten Halbjahr sind zwar nicht die Regel, gehören zum Anlegen jedoch dazu. Kurzschlussreaktionen sind fehl am Platz. Wer zum Beispiel zum schlechtesten Zeitpunkt vor der Finanzkrise 2008 zu damaligen Höchstständen in den SPI investiert hat und der Strategie treu geblieben ist, konnte seither rund 4 Prozent Rendite pro Jahr erzielen. Damit wurde der Einsatz – auch nach der diesjährigen Korrektur – beinahe verdoppelt.



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