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Keine Angst vor der blauen Welle

Datum: 19.10.2020 
Autor: Daniel Lüchinger

Für die Börse und Investoren ist die Ungewissheit meistens schlimmer als die effektive Enttäuschung - und US-Präsidentschaftswahlen sind die ultimative Ungewissheit. Bei vergangenen US-Wahlen konnte deshalb beobachtet werden, dass die Aktienmärkte im Monat vor den US-Wahlen eine kleine Auszeit genommen haben und in diesem Umfeld auf der Stelle getreten sind. In diesem Jahr scheint diese Beobachtung nicht einzutreffen.

 

«Die Demokraten stehen für höhere Investitionsausgaben.»

 

Wie letzte Woche bereits berichtet, zeichnet sich bei den US-Wahlen immer stärker eine «blaue Welle» ab. In diesem Szenario würde der demokratische Präsident Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnen. Zudem würden die Demokraten die Mehrheit im Senat erobern und gleichzeitig die Mehrheit im Repräsentantenhaus bestätigen. Nach dieser klaren Machtverschiebung hätten die Demokraten die volle Kontrolle. Normalerweise bevorzugt die Börse jedoch geteilte Machtverhältnisse und einen republikanischen Präsident, der für tiefe Steuern und weniger Regulation steht. Erstaunlicherweise haben sich die Aktienmärkte trotz der Tatsache, dass der demokratische Vollerfolg immer wahrscheinlicher wird, im Oktober bislang positiv entwickelt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich mehr und mehr die Meinung durchsetzt, dass die blaue Welle dieses Mal sogar von Vorteil sein könnte.

Klar, der demokratische Kandidat Joe Biden steht für höhere Steuern und höhere Steuern bedeuten unweigerlich, dass die Gewinne der Unternehmen sinken. Für die Aktienmarktentwicklung also keine guten Voraussetzungen und darauf ist auch die allgemeingültige Abneigung der Finanzmärkte gegenüber demokratischen Präsidenten zurückzuführen. Auf der anderen Seite stehen die Demokraten aber auch für grössere Investitionen. So haben sie zum Beispiel grosse Investitionsprogramme in den Bereichen Infrastruktur, Bildung, Klimawandel sowie in das Gesundheitswesen angekündigt. Die Erwartung ist, dass diese Investitionen das Wachstum deutlich anschieben werden. Ein weiteres Handlungsfeld, bei dem die Finanzmärkte den Demokraten mehr Erfolg attestieren, ist der langwierige Handelskrieg zwischen den USA und China. Eine weniger auf Konfrontation dafür mehr auf Dialog ausgerichtete Verhandlungsstrategie würde diesem Konflikt auf jeden Fall gut tun.

Die Angst vor der blauen Welle scheint dieses Mal also nicht ganz berechtigt zu sein. Zumindest ist es schwieriger als in der Vergangenheit, eine pauschale Aussage dazu zu treffen, welcher Wahlausgang für die Entwicklung der Aktienmärkte von Vorteil wäre. Deshalb müssen wir auch in Bezug auf Anlageopportunitäten differenzierter vorgehen. Ein Blick darauf, welche Sektoren bei welchem Wahlresultat zu den Gewinnern gehören, lohnt sich aber allemal.

Unser Fazit: Das grösste Risiko liegt vor allem darin, dass die Wahl bei einem engen Ausgang angefochten wird. Indizien dazu, dass der amtierende Präsident Trump das Feld nicht kampflos räumen würde, gibt es zur Genüge. Allfällige Rückschläge der Aktienmärkte könnten dann jedoch gute Einstiegschancen darstellen. Kurzfristige Unsicherheit ist nämlich der Freund von langfristiger Rendite.

 

Gemeinsam wachsen.