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«Aufregung um anfällige Lieferketten.»

Datum: 01.04.2021 

Die Anlage-Experten der Graubündner Kantonalbank informieren im GKB Anlage-Fokus wöchentlich über das aktuelle Finanzgeschehen. Gemeinsam mit Jens Korte werfen wir in dieser Ausgabe einen Blick auf die Wallstreet. 

 

 

Jens Korte, massive Störungen der Handelsströme durch die Blockade im Suezkanal haben die Anfälligkeit von Lieferketten wieder in Erinnerung gerufen. Wie schätzen Sie die Lage in den USA ein?

 

Als der Suezkanal blockiert war, hat das den globalen Handel zeitweilig 400 Millionen Dollar pro Stunde gekostet, also neun Milliarden Dollar pro Tag. Nike zum Beispiel musste wegen dieser Blockade eine Umsatzeinbusse im ersten Quartal hinnehmen. Aber ganz grundsätzlich hat die amerikanische Wirtschaft enorm schnell aus dem Pandemie-Tief zurückgefunden, sie wird also diesen Suez-Shock relativ gut verdauen können. Wie stark die US-Wirtschaft zurückgefunden hat und wie wichtig die Seefracht ist, zeigen Zahlen aus den Häfen Kaliforniens: Im Jahr 2019 wurden dort rund eine Million Containerschiffe abgefertigt. Im letzten Jahr waren es rund 900‘000 Schiffe pro Monat. Ein enormes Wachstum, welches auch zeigt, wie wichtig die Seefracht ist. Die grossen Auswirkungen wegen der Blockade im Suezkanal dürften aber ausbleiben, nicht zuletzt weil der Kanal jetzt wieder frei ist.

 

Auch die Autoindustrie hat in Bezug auf die Lieferketten derzeit große Probleme. Autobauer haben in der Corona-Krise viele Halbleiterbestellungen storniert. Nun ist die Nachfrage wieder da, aber die Halbleiter fehlen. Wie akut ist dieses Problem in den USA?

 

Das Problem ist auch hier gravierend. Die Halbleiter sind praktisch fürs ganze Jahr 2021 ausverkauft und die Autobauer gehen leer aus, weil sie eben mitten in der Pandemie 2020 grosse Bestellungen storniert haben. General Motors muss einen Teil ihrer Neuwagen auf riesige Parkplätze stellen und warten, bis sie die Chips zum Einbau geliefert bekommen. Nun hat Intel, einer der grossen Halbleiterproduzenten, angekündigt, dass man im Bundesstaat Arizona 20 Milliarden Dollar in zwei neue Produktionsstätten investieren wolle. Und dort nicht nur Computerchips für die eigenen Produkte, sondern auch für Drittanbieter produzieren werde. Der akute Engpass wird sich damit aber nicht lösen lassen, denn bis ein solches Werk läuft, kann es gut zwei Jahre dauern.

 

Ob nun Blockade im Suezkanal oder fehlende Halbleiter, die Aktienmärkte scheint das nur begrenzt zu beunruhigen. Wie schätzen Sie derzeit die Lage an der Wall Street ein?

 

Das erstaunt tatsächlich, die Investoren lassen sich von nichts abschrecken. Natürlich, die amerikanische Wirtschaft hat sich zügig erholt. Für dieses Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von rund sechs Prozent prognostiziert. Das wäre das beste Wachstum seit Mitte der Achtzigerjahre. Zudem hat die amerikanische Notenbank signalisiert, dass das Geld billig bleibt. Auch das treibt weiterhin viel Geld in die Märkte. Und eine Hyperinflation sehen wir derzeit auch nicht. Insofern ist das Umfeld recht positiv. Trotzdem erstaunt es, dass selbst die jüngsten Probleme, zum Beispiel, dass jetzt in den USA der erste Hedge Fund hoch gegangen ist, nur zu einem kurzen Kurswackler geführt hat. Der Optimismus ist also ungebrochen und die Investoren scheinen sämtliche Risiken auszublenden.

 

 

 

 

Gemeinsam wachsen.