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Wirtschaftliche Entwicklungen in China – Immobiliensektor und allgemein

Datum: 07.10.2021 

Evergrande und weitere Immobilienunternehmen in China haben aufgrund ihrer Grösse das Potenzial, eine Kettenreaktion im Banken- und Immobiliensektor hervorzurufen. Das politische Ziel der chinesischen Regierung von einem quantitativ hohen Wachstum weicht um auf ein ausgeglichenes Wachstum, dieser Übergang führt zu Marktturbulenzen und erschwert den Handel mit chinesischen Aktien. Die Risiken in China sind aktuell äusserst vielfältig: Konjunktur, Politik/Regulation, Handelskonflikt, Covid sowie restriktiveres monetäres Umfeld.


Wer ist Evergrande und warum ist das Unternehmen in den Schlagzeilen?

Evergrande ist ein chinesischer Immobilienkonzern. Das Unternehmen ist hoch verschuldet und hat insgesamt über 300 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten. Evergrande hat die Zahlungsfrist für Zinsen einer ausstehenden Anleihe verstreichen lassen was zu Spekulationen über einen möglichen Konkurs der Firma führte. Der Immobiliensektor ist in China ein wichtiger Wachstumstreiber, weshalb der Konkurs einen negativen Effekt aufs Wirtschaftswachstum in China haben könnte.


Ist Evergrande nur die Spitze des Eisbergs?

Neben Evergrande existieren weitere Immobilienunternehmen mit einem identischen Geschäftsmodell. Viele von diesen Unternehmen sitzen ebenfalls auf einem hohen Schuldenberg und teils überbewerteten Immobilien. Der gesamte Sektor steht auf wackeligen Beinen. Das Unternehmen Fantasia konnte am Montag 04.10.2021 seine Schulden ebenfalls nicht fristgerecht tilgen. Weitere Unternehmen könnten folgen.


Wird die Regierung in China eingreifen?

Die Sorgen um Evergrande sind grundsätzlich berechtigt. Die zentralistisch geführte Volkswirtschaft ermöglicht jedoch einen grossen Handlungsspielraum für die Regierung. Dies stimmt zuversichtlich, dass die Regierung in China alles unternehmen wird, um die wirtschaftliche sowie die gesellschaftliche Stabilität zu wahren.


Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für die Wirtschaft in China?

Die derzeitigen Entwicklungen am Immobilienmarkt in China stehen stellvertretend für die Eingriffe der chinesischen Regierung und zeigen den Schwachpunkt der chinesischen Wirtschaft deutlich auf. Die aktuellen Unsicherheiten werden anhalten. Weitere Reformen im Immobiliensektor oder auch im Gesundheitssektor sind in naher Zukunft möglich. Die Wirtschaftsentwicklung in China verliert zudem deutlich an Momentum. Die nachlassenden Stimulierungsmassnahmen hinterlassen langsam Spuren. Die Industrieproduktion sowie die Detailhandelsumsätze als wichtige Wachstumsstützen enttäuschen derzeit. Die Ausbreitung der Delta Variante verstärkt den negativen Trend und sorgt für Unsicherheit. Hinzu kommt, dass bestehende Wachstumstreiber an Kraft verlieren. Die Industrieexporte entwickeln sich beispielsweise rückläufig. Der Trend zu lokalen Lieferketten, welcher sich aufgrund der Pandemie beschleunigt, tangiert das Wachstum in China ebenfalls negativ. Die Wirtschaft in China befindet sich in einer äusserst herausfordernden Phase.


Was bedeuten die Entwicklungen rund um Evergrande für die Banken in China?

Für die Banken in China ist ein grossflächiger Ausfall von Hypothekarzahlungen ein überschaubares Risiko. Der Anteil an Hypotheken im Verhältnis zum Immobilienwert fällt in China gering aus. Dies liegt daran, dass die chinesischen Haushalte den Kauf einer Immobilie zumeist aus eigenen Ressourcen finanzieren. Die möglichen Kreditausfälle von Evergrande könnten aber insbesondere Kleinbanken in Schieflage bringen, welche Klumpenrisiken im Immobilienmarkt haben. Worst-Case wäre ein Austrocknen des Interbanken-Marktes, was die Finanzierungskosten der gesamten Volkswirtschaft steigen lassen würde. Die Folge wäre eine wirtschaftliche Verlangsamung.


Wie hoch fällt das Wirtschaftswachstum in China in den nächsten Jahren aus?

Das hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen zwanzig Jahre wird sich nicht wiederholen. Schätzungen gehen von einem zukünftigen Wachstum von durchschnittlich 5 Prozent pro Jahr aus. Das ist immer noch deutlich mehr als im Rest der Welt, aber tiefer als in der Vergangenheit.


Sind die aktuellen Regulierungen in China ein Grund zur Beunruhigung für Anleger? 

Die Regierung hofft durch neuen Regulierungen für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen und das zukünftige Wirtschaftswachstum auf ein stabileres Fundament zu setzen. Die politische Neuausrichtung umfasst Themenbereiche wie soziale Sicherheit, nationale Sicherheit, die Finanzmärkte sowie die Nachhaltigkeit. Die Neuausrichtung führte dazu, dass jüngst der Bildungssektor, Technologieunternehmen und aktuell auch Immobilienfirmen von einschneidenden Regulatorien tangiert sind. Die Regulierungsmassnahmen führen in der Summe zu einer tieferen Produktivität und verlangsamen das Wirtschaftswachstum. Mit der Neuausrichtung sucht China das Wachstum nicht mehr um jeden Preis. Fürs Erreichen dieser Ziele nimmt China kurzfristige Marktturbulenzen bewusst in Kauf. Wir gehen davon aus, dass die Regulierungswelle anhalten wird und die Unsicherheiten somit hoch bleiben werden.


Lohnt es sich noch in chinesische Aktien zu investieren?

Die Wirtschaft in China befindet sich in einer äusserst herausfordernden Phase. Das Risiko bei chinesischen Aktien darf deshalb nicht unterschätzt werden. Das Ändern von Spielregeln über Nacht durch die Regierung macht den Handel mit chinesischen Aktien wenig kalkulierbar. Die aktuellen Unsicherheiten werden anhalten. Weitere Reformen im Immobiliensektor oder auch im Gesundheitssektor sind in naher Zukunft möglich. Aus Sicht der Kapitalmärkte gibt es neben den wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen noch einen weiteren negativen Aspekt. So ist die Geld- und Fiskalpolitik in den USA und in der Eurozone weiterhin expansiv, während in China das monetäre Umfeld bereits restriktiver ist. Die Abwärtsrisiken überwiegen in der Summe und machen Aktien aus China unattraktiv.


Wie gross ist das Evergrande-Risiko für die Weltwirtschaft?

Die Immobiliengesellschaft Evergrande kämpft mit grossen Liquiditätsproblemen. Das Überleben der Firma ist höchst unwahrscheinlich. Grundsätzlich könnte ein Kollaps von Evergrande rein aufgrund der Grösse der Unternehmung eine Kettenreaktion auslösen. Am Immobilienmarkt ist das grösste Risiko der Vertrauensverlust von Marktakteuren. Kaufinteressenten könnten einen Preisabschlag verlangen oder den Kaufentscheid verschieben. Die Folge wäre ein Rückgang der Immobilienverkäufe. Die aktuelle Datenlage ist aber äusserst unsicher. Dies lässt viel Raum für Spekulationen.


Was ist der Einfluss auf Schweizer Banken?

Die Schweizer Banken haben kein direktes Exposure zu Evergrande. Dies liegt vor allem daran, dass die Regierung in China den Markt stark reguliert und dieser von den internationalen Kapitalmärkten mehrheitlich abgeschottet ist. Für die Schweizer Banken besteht somit kein direktes Risiko. Indirekt könnten Schweizer Banken jedoch betroffen sein. Insbesondere jene Banken, welche sich in den letzten Jahren eine Asien-Präsenz aufgebaut haben, könnten von der negativen Wirtschaftsdynamik in China betroffen sein.


Wie ist die Schweizer Wirtschaft von Evergrande betroffen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie die Schweizer Wirtschaft tangiert werden könnte. Eine Variante ist via Handelskanal. Dabei wäre insbesondere die Uhrenbranche stark betroffen, wenn zum Beispiel die Nachfrage nach Luxusgütern einbricht. Eine weitere Möglichkeit sind die Direktinvestitionen von Schweizer Unternehmen in China. Dies würde aber lediglich einzelne Firmen betreffen und nicht die gesamte Schweizer Wirtschaft. Zudem könnten die indirekten Effekte negativ wirken. Sprich wenn alle Handelspartner zurückhaltender werden und es zu einer globalen Abkühlung kommt, kann sich auch die Schweizer Wirtschaft nicht entziehen. Dies ist zum aktuellen Zeitpunkt allerdings wenig wahrscheinlich.






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